Marc Pfertzel
  Im Portrait
 
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Meine Schule war das Stadion

Marc Pfertzel ist guter Dinge. Die Sonne scheint, und er ist auf dem Weg nach Hattingen in den MS Kartcenter. Das Wetter ist ihm wichtig und er schaut immer wieder zum Himmel hoch, um sich zu vergewissern, dass keine Wolken im Anzug sind. Dabei ist das Kartcenter von Horst Mendetzki komplett überdacht und unser französischer Neuzugang wird dort Freude strahlend begrüßt. Für Marc ein Glückstag, denn gleich darf er zwei seiner Leidenschaften frönen: Geschwindigkeit und Adrenalin.



Über die Umstände von Marcs Wechsel vom italienischen Erstligisten Livorno zum VfL ranken sich zahllose Geschichten. Richtig ist, dass Marc sich sogar finanziell am Transfer beteiligt hat. Auch sein Ausspruch "Ohne blaues Trikot gehe ich hier nicht weg!" ist korrekt überliefert. Heute, nach über drei Monaten beim VfL, erzählt er lachend vom Abschied aus der Toskana und seinen ersten Erfahrungen in Bochum und der Bundesliga. Sieben Trainerwechsel habe er in kurzer Zeit in Livorno erlebt, und der ständige Wechsel ging "ganz schön an die Substanz". Zudem kam der Verein nicht richtig voran, und so reifte der Entschluss, es woanders zu probieren. Neben Angeboten aus der Serie A und Frankreich gab es auch zwei Interessenten aus der Bundesliga. "Der VfL wollte mich unbedingt treffen, und Stefan Kuntz kam nach Livorno. Ich hatte ein gutes Gefühl und es wurde immer besser, als ich mir alles vor Ort anschaute. Man wollte mich unbedingt und ich ebenso. Es galt also nur noch die Hürde der Ablöse an Livorno zu nehmen." Die nahmen Pfertzel und die VfL-Verantwortlichen dann gemeinsam, seit Ende Juni trägt der 26-Jährige die blau-weißen Farben. Der Fußball in Deutschland unterscheidet sich seiner Ansicht nach sehr von dem in Italien. "Hier ist es intensiver, es gibt kaum Pausen. Du musst immer zu hundert Prozent bei der Sache sein. Trotzdem wird, besonders von Marcel Koller, auch viel Wert auf die Taktik gelegt. In Italien ist mehr Ruhe dabei, es wird sehr viel mit Auge gespielt und die Taktik hat eine noch höhere Bedeutung."
Auch beim Motorsport ist Taktik eine bestimmende Größe. Als Jugendlicher bewunderte Marc den Rennfahrer Alain Prost. Der ehemalige Formel 1-Weltmeister schaffte es zwar nicht, ihn zum Motorsportfan zu machen, aber Geschwindigkeit und Herausforderungen haben es ihm dennoch angetan. "Ich liebe es, wenn es schnell wird. Beim Kartfahren merkt man das ganz besonders. Du sitzt sehr tief, ganz nah am Boden und spürst jede Bewegung. Du bekommst einen Adrenalinschub nach dem anderen."
Mittlerweile dreht Marc seine siebte Runde und hat den Fotografen schon mehrfach überholt. Auch die anderen Fahrer lässt er zumeist stehen und findet nach jedem Überholvorgang zurück zur Ideallinie. Die 6,5-9 PS starken Motoren heulen auf, und Marc jagt durch eine Schikane. Voll konzentriert ist er bei der Sache, so dass er sogar die Kommandos des Fotografen beinache überhört.

Sein Leben war schon früh auf den Fußballsport ausgerichtet, der in Mulhouse geborene jüngste dreier Brüder, konnte sich im Kindesalter auf den Fußball konzentrieren. Sein Vater Jean-Paul war ebenfalls Fußballprofi und spiele Anfang der 80er-Jahre für Thionville FC, FC Mulhouse und EDS Montlucon. Später wurde er Trainer nahm seine Söhne häufig mit zum Training. "Schon mit vier Jahren war ich ständig mit meinem Vater im Stadion. Das war mir zumeist wichtiger als die Schule, das Stadion war meine Schule. Also fing ich mit dem Fußball an und habe zehn Jahre in Montlucon gespielt", erinnert er sich heute. Als Zwölfjähriger wurden größere Vereine auf ihn aufmerksam. Doch sein Vater, damals zeitweise auch sein Trainer, hatte etwas dagegen. "Er sagte ganz ausdrücklich: Du bleibst hier, denn wenn du wirklich gut bist, dann schaffst du es auch später. Also durfte ich erst mit 15 weg und habe bis dahin bei meinem Heimatverein gespielt." Seine Familie scheint völlig fußballverrückt. Neben dem Profi-/Trainer-Vater traten auch seine größeren Brüder Franck (32) und Christophe (36) ebenfalls vor den Ball. Zwar hat es bei beiden nicht für die Profikarriere gereicht, aber "wenn wir zusammen sind, dann fachsimpeln wir die ganze Zeit und können stundenlang über Fußball diskutieren." So war Marc schon als kleiner Junge. Wenn er mit seinem Vater im Stadion saß oder der sich auf Spiele seiner Mannschaft vorbereitete, fragte ihn der Nachwuchskicker Löcher in den Bauch. "Ich bin sehr neugierig, schon als Zwölfjähriger wollte ich von meinem Vater immer wissen, warum er diese oder jene Formation gewählt hat. Warum zwei Stürmer und nicht drei? Ich wollte immer ganz genau wissen, was er sich dabei gedacht hat. Ich glaube, dass mir das heute noch hilft."

Seine taktische Ausbildung zählt neben seinen technischen und läuferischen Fähigkeiten zu den Stärken, die seinen Ruf in Italien ausgemacht haben. Die taktische Schulung in Livorno beschreibt er zumeist wie Schulunterricht. Jeden Mittwoch wurden Videos geschaut und mindestens eine Stunde lang nur taktische Formationen besprochen. "Wie bewegt sich die Mannschaft, wie reagieren wir bei Ballverlust, wie bei Ballgewinn. Diese Arbeit macht viel aus und manchmal auch den Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern." Manchmal ging das Frücken der Schulbank dem Bewegungstalent aber auch auf die Nerven: "Wenn man mehr als zwei Stunden rumsitzt und ständig neue Videos anschaut, dann kann man schon mal Kopfschmerzen bekommen. Ich weiß, dass diese Arbeit unbedingt zum Training dazu gehört, aber natürlich fühle ich mich auf dem Platz wohler. Ich mag es, im Training Flanken und Torschüsse zu üben. Ich liebe die Ballarbeit. Bei Marcel Koller kommt auch viel taktische Arbeit vor, aber die Mischung ist genau richtig."

Nachdem er drei persönliche Rundenrekorde nacheinander aufgestellt hat, ist er nun dem Kart entstiegen und lässt sich von Horst Mendetzki die Technik der kleinen Flitzer erklären. Vergaser und Antriebsriemen sind für ihn keine Fremdworte, aber für den Beruf des KFZ-Mechanikers hat er sich dennoch nie interessiert. "Ich war nicht schlecht in der Schule und habe mein Abitur in Frankreich gemacht. Mein Vater hätte mich mit dem Fußball auch nicht weiter machen lassen, wenn ich das nicht geschafft hätte. Aber danach wollte ich meine Chance auf jeden Fall wahrnehmen und habe mich voll darauf konzentriert. Wenn das nicht hingehauen hätte, wäre ich vielleicht ind die Touristikbranche gegangen. Oder ich wäre Animateur in einem Hotel geworden.", sagt er lachend, "aber erst einmal will ich so lange und so gut wie möglich Fußball spielen."
In seiner Karriere gibt es zwei Spiele, an die er sich besonders deutlich erinnert. "Mein erstes Spiel in der Serie A ist unvergesslich. Livorno spielte beim AC Milan vor 80.000 Zuschauern, und 14.000 waren aus Livorno dabei. Wir spielten 2:2, und ich habe ein Tor von Lucarelli vorbereitet und einmal gegen Dida die Latte getroffen. Danach konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen, also haben wir bis zum nächsten Training durchgefeiert. Das zweite Spiel war gegen Juve, und ich habe ein Tor gegen Buffon erzielt." Als Marc nach Livorno wechselte, war er erst seit kurzem Profi. "In Frankreich habe ich bei Mulhouse und Troyes noch als Amateur gespielt, und als da nach Trainerwechseln keine Perspektive mehr für mich war, bin ich in die dritte Liga und habe dort eine richtig gute Saison gespielt, so dass Livorno auf mich aufmerksam wurde."

Im ersten Jahr spielte er mit Livorno noch in der Serie B, machte aber 22 Spiele, stieg mit auf und war fortan aus der Stammformation nicht mehr wegzudenken. "Es war zu Beginn sehr schwer, denn ich kam als unbekannter Spieler in eine Truppe, die durchschnittlich über 30 Jahre alt war. Mit 21 ist man in Italien noch ein Kind, und plötzlich saß ich für drei Monate auf der Tribüne. Das war die schwerste Zeit meiner Karriere." Doch als sich ein Mitspieler verletzte, kam Marc zu seinem ersten Einsatz und spielte drei Jahre durch. Auch die Tifosi schlossen den jungen Franzosen ins Herz und widmeten ihm einen Song. "Nach meiner Vorarbeit zu einem Tor von Diego Protti im Derby gegen die Fiorentina sangen die Fans ´Pfertzel bereit die Tore vor´, und sie nannten mich ´Il francesiono d'oro´, der kleine goldene Franzose. Die Tifosi sind sowieso völlig verrückt und schießen auch mal weit übers Ziel hinaus, wie man eben erst in Genua gesehen hat."

Nun sitzt Marc Pfertzel gemütlich im Cafè des MS Kartcenters. In Bochum hat sich der junge Franzose sehr gut eingelebt. "Das merkt eigentlich jeder in meiner Nähe, denn ich habe Freunde gefunden, eine schöne Wohnung und fühle mich auch beim VfL pudelwohl." Mittlerweile läuft es auch sportlich besser, denn seinen Rückstand aufgrund seiner Augenprobleme hat er mittlerweile überwunden. Zwar ärgert er sich noch immer über seinen Platzverweis in Leverkusen, aber "das kann ich jetzt nicht mehr ändern, sondern muss es beim nächsten Mal besser machen."

Er will so viele Spiele wie nur möglich machen. Gern auch mal Tore erzielen, obwohl er sich mehr als Vorbereiter sieht. "Ich bin ein Arbeiter für die Mannschaft und laufe gern für die Kollegen. Es ist wichtig, auf dem Platz positiv zu sein, denn jeder kann mal Fehler machen. Für einen Fußballer ist es am wichtigsten, in einer funktionierenden Mannschaft zu sein. Wir Fußballer haben den schönsten Job der Welt, und wenn du dann auch noch in einer Stadt wie Bochum leben kannst, mit so vielen jungen Menschen, dann gibt es keinen Grund zu klagen!"
Als Marc das Kartcenter verlässt, ist der blaue Himmel grau geworden, leichter Regen geht nieder. "Was soll das? Das Wetter hier ist echt komisch!" Und auf dem Weg zu seinem Auto zeigt sich, dass er auch Schnelligkeit in den Füßen hat. Selbst Adrenalin ist mit dabei, denn er kann wunderbar auf Französisch, Italienisch und auf Deutsch fluchen.


(Quelle: VfL Bochum)






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